Kultur- und Heimatverein

            Falkensteiner Vorwald e.V.

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Der Waldler: muskulös, frühreif, nachtragend

Vortrag von Alfred Aschenbrenner
am 20.05.2010 beim Stammtisch
des Kultur- und Heimatvereins Falkensteiner Vorwald e.V.

Bearbeitung von Anton Feigl:

So lebten die Menschen vor 150 Jahren in Falkenstein und Umgebung

Ein besonderer, hoch interessanter Beitrag wurde beim jüngsten Kulturstammtisch des Kultur- und Heimatvereins geboten: Alfred Aschenbrenner berichtete über die Lebensverhältnisse der Falkensteiner um 1860. Die Informationen über die Wohn-, Lebens- und Ernährungssituation sowie des Gesundheitszustands entnahm Aschenbrenner dem amtlichen „Physikatsbericht" des königlichen Gerichtsarztes Dr. Maier vom 29. Dezember 1860. Dass das Referat von Alfred Aschenbrenner auf eine riesige Resonanz stieß, zeigte der vollbesetzte Raum im Gasthof „Zur Post".

Wie Aschenbrenner beim Studium der einschlägigen Akten recherchierte, ordnete das Bayerische Staatsministerium des Innern 1858 an, dass die Landgerichtsärzte innerhalb von drei Jahren „Physikatsberichte" für ihren Bezirk erstellen müssen. Den Landgerichtsarzt, jetzt der Amtsarzt, nannte man Physikus. Physikat war die Stelle eines Amtsarztes. So wurde aber auch der Bezirk bezeichnet für den er tätig war. Die Berichte dienten den übergeordneten Ämtern und Ministerien für Statistiken und Informationen, sie sollten aber auch dem Arzt Informationen für seine Berufsaufgabe liefern. Angaben mussten zur Topographie und zur Ethnographie gemacht werden. Was dazu gehörte, erfuhren die Zuhörer aus dem Bericht Aschenbrenners.

Den Bericht für den Landgerichtsbezirk Falkenstein stellte der kgl. Gerichtsarzt Dr. Maier am 29. Dezember1860 fertig. Zum Gerichtsbezirk gehörten seinerzeit neben dem Markt Falkenstein die Gemeinden Au, Michelsneukirchen, Arrach, Ebersroith, Höhenberg, Rettenbach, Haag, Frankenberg, Brennberg, Schillertswiesen und Unterzell. Der Bezirk hatte 6.299 Einwohner, verteilt auf den Markt Falkenstein, 17 Dörfer, 23 Weiler und 151 Einöden. Falkenstein war zu dieser Zeit noch ein Landgericht. Die Landgerichte waren damals nicht nur Justizbehörde, sie waren auch die vorgesetzte Verwaltungsbehörde. 1862 kam mit der Schaffung der Bezirksämter die Gewaltenteilung. Das Bezirksamt Roding blieb in der damals geschaffenen Grenze bis 1972 unverändert. Das Landgericht Falkenstein wurde 1879 aufgelöst.

Im Gerichtsbezirk Falkenstein wohnten 1860 1.518 Familien. Diesen Familien standen 1.471 Ehepaare vor, denn im Bericht ist ausgeführt, dass je 1.471 Männer und Weiber verehelicht waren. Insgesamt herrschte ein leichter Frauenüberschuss. 3.372 Frauen standen 2.927 Männer gegenüber.

Weitere Angaben zur Topograhie

Das Klima bezeichnet der Verfasser im allgemeinen als kühl und trocken, wobei es jedoch auffallende Unterschiede im Bezirk gebe und auch heute noch gibt. Als raueste Gegend bezeichnet er den Bereich südlich von Falkenstein, also von Arrach bis Brennberg. Hier falle immer der erste Schnee, der gewöhnlich von Mitte November bis Ende März liege. Die Zeit der Saat und Ernte falle hier um 14 Tage bis drei Wochen später als in der inneren Gegend. Hierzu zählt er die Umgebung von Falkenstein bis an die nördliche Grenze des Gerichtsbezirkes, also bis einschließlich der Gemeinde Michelsneukirchen. Das mildeste Klima besitze das Perlbachtal. Auch in dem über dem Bergrücken liegenden Bachtal von Michelsneukirchen über Schrötting, Neudeck, Woppmannsdorf nach Trasching sei es vorwaltend milde. Auf dem Bergrücken befinden sich ansehnliche Einödhöfe und Weiler, deren Lage die Obstbaumkultur begünstige. Auch die früheren Besitzer haben dies bereits erkannt und Obstbäume gepflanzt, sodass Litzelsdorf, Hutting, Premsthal, Ettmannsdorf vieles und gutes Obst liefern können. Leider, so stellte der Schreiber fest, werden die Obstbäume jetzt aber nicht mehr sorgfältig gepflegt.

Auf der nach Osten hin ansteigenden Höhe, schreibt er, befinden sich sehr schöne Buchenwaldungen, die vor Wind schützen, so dass auch hier das Klima ziemlich mild ist. Die Gegend zwischen Brennberg und Zell sei ebenfalls sehr waldreich und mild.

Zum Ort Falkenstein führt er aus, dass der Schlossberg, auf welchem sich eine Burgruine erhebt, durch „äußerst massenhafte Gruppen herrlichen Granits in den vielfachsten Gestalten gebildet ist. Verschiedenartiges Laub- und Nadelholz ragt in vollster Üppigkeit aus den weiten Felsenklüften hervor, in welche sich feine Wurzen eingebohrt haben. Stolz gebeugtes Farrenkraut und die lieblichsten Moose in größter Vielfaltigkeit zieren die Bodenfläche des Gesteins, während glänzender Efeu und wilder Hopfen die Seitenwände der Felsenmauern lieblich verdecken. Des Waldmeisters Duft erhöht die vielen Reize, welche der Frühling diesem Raume darbietet. Hinter dem Berge setzt sich das Plateau gegen Norden fort und ist hier dicht mit riesigen Bäumen besetzt. Das viele Schöne, was hier auf engem Raume die Natur vereinte, hat der Schönheitssinn und die Sorgfalt der früheren, insbesondere aber des gegenwärtigen erlauchten Besitzers, benützt, und den Wald durch bequeme Gänge, sichere Umschließung hervorragender Punkte und Aufstellung gelegener Ruheplätze in einen Lustpark zur Erholung und zum Vergnügen des Besuchers umgestaltet."

Zum Klima und Wetter schreibt er weiter, dass der Frühling in den tieferen, milderen Tälern in der Regel etwa Ende März beginnt, dass es aber anfangs Mai fast jährlich noch einmal einen Schneesturm gebe. In den wärmsten Monaten Juni, Juli und August liegt die mittlere Temperatur laut einem fünfjährigen Vergleich bei 16 Grad. Den Herbst, die Zeit von September bis Mitte November, bezeichnet er als ausgezeichnete Zeit. Nebel sind selten, sodass man sich noch im Oktober der schönen warmen Sonne erfreuen kann, während im Donautal der Nebel Kälte und Dunkelheit ausbreite. Ein bedeutender Schneefall beginnt meistens erst im Januar. Wenn es gut eingewintert hat, kann der Schnee auch bis Mai liegen bleiben. Die mittlere Temperatur des Winters beträgt 2 Grad Minus.

An Quellen ist der ganze Bezirk sehr reich. An drei Stellen entspringen sie so reichlich, dass sie alsbald kleine Bäche bilden. Den bei Haunsbach entspringenden Bach, der an Kothmühl vorbei über Forst, Obermühl, Bruckmühl, Fingermühl fließt und sich in Völling mit dem Geißbach verbindet, bezeichnet er als Perlbach. In der Wanderkarte des Naturparkvereins ist er bis dahin als Mietnach und erst ab der Vereinigung als Perlbach bezeichnet. An diesen beiden Bachläufen waren damals bis zum Austritt aus dem Gerichtsbezirk bei Löffelmühle zwölf Mühlen. Ein weiterer Bach der dort entspringt, fließt in den Hammerweiher und von dort aus über Arrach, Rettenbach, Postfelden durch die Hölle in die Wiesent. Dieser Bach hat seinerzeit 14 Mühlen mit Wasserkraft versorgt. Die Ursprungstelle dieser beiden Bachläufe ist die Wasserscheide zwischen dem Regen- und dem Donautal. Der dritte, größere Bach im Gerichtsbezirk ist der Neudecker-Bach, der über Schrötting, Thiermietnach, Woppmannsdorf in der Nähe von Trasching in den Perlbach fließt, in dem damals noch nach Perlen gefischt wurde. Wieviele Mühlen an diesem Bach angesiedelt waren, steht nicht im Bericht. Es waren sicherlich auch mehrere. Aschenbrenner sind darüber hinaus Neudeck, Woppmannsdorf und Eidengrub bekannt. Es gab also im Gerichtsbezirk circa 30 Mühlen. Wie die Zuhörer später noch erfuhren, wurde auch viel Mehl zur Zubereitung der Speisen verbraucht.

Zur Bodenbeschaffenheit schreibt er, dass es sich größtenteils um Sandboden handle. Er eigne sich gut für den Getreidebau mit Ausnahme von Weizen und Gerste. Die Hauptfrucht ist Korn, welches in zunehmender Menge angebaut werde und den Haferanbau vermindere. Gerste und Weizen wurden nur ausnahmsweise angebaut, von letzterem in erster Linie Sommerweizen und nur für den Eigenbedarf. Als Futterkräuter und Bodenfrüchte zählt er Klee, Erbsen, Linsen, Kartoffel, Runkeln und weiße Rüben sowie weißes Kraut auf, das geschnitten und eingesalzen als Sauerkraut das ganze Jahr über als Gemüse auf den Tisch kommt.

Auf der Hochebene zwischen Haag, Ebersroith, Erpfenzell und Höhenberg wurde Torf als Brennmaterial oder auch zur Kompostbildung abgebaut.

Der Verfasser des Berichts bedauert es, dass noch viele umfangreiche Ödungen bestehen. Zumeist sind es Gemeindegründe, die als spärliche Viehweide genutzt werden. Mehrere hundert Tagwerke in einzelnen Parzellen zu 30 bis 60 Tagwerken lägen nutzlos da, die durch Verteilung den Ärmeren helfen könnten. Ödflächen befänden sich vor allem bei Ebersroith, Höhenberg, Momannsfelden und Regelsmais.

Obwohl Granit sehr häufig vorkommt, werden im Bezirk Steine nur an einem einzigen Ort gebrochen und zu Säulen, Futterbarren, Brunnkorbwänden, Wasserbehältern usw. verarbeitet, nämlich in Hundessen.

Auf der Anhöhe westlich von St. Quirin habe man vor kurzer Zeit eine Eisenerz-Ader von geringer Mächtigkeit entdeckt. Um 1960 hat die Eisenwerk-Gesellschaft-Maxhütte Sulzbach Rosenberg u.a. auch im Raume Roding-Michelsneukirchen und hier auch im Bereich Zwinger-St.Quirin, Untersuchungen auf das Vorkommen von Eisenerz angestellt. Karl Gschwendner hat darüber in seinem Buch „Michelsneukirchen – Hof- und Familiengeschichte 16. bis 19. Jahrhundert" berichtet. Das Bergamt hat ihm die Auskunft gegeben, dass die Resultate bergwirtschaftlich enttäuschend waren.

Dr. Maier zählt schließlich noch eine ganze Reihe von Pflanzen auf, die in der hiesigen Gegend häufig vorkommen, darunter z.B. auch die Blutwurz. Welche Kräuter der Rosogliobrauer Heckenstaller für die Herstellung seines Kräuterlikörs verwendet hat, konnte Aschenbrenner leider nicht recherchieren. Er hat 1821 geheiratet. Der Gemeindeausschuss hat bei der Prüfung, ob der Verehelichung zugestimmt werden kann, festgestellt, dass er als Rosoglio-brauer ein gutes Einkommen habe und folglich der Nahrungsstand gesichert sei. Seinen Bericht zur Topographie schließt der Amtsarzt mit Beobachtungen und Folgerungen zu ärztlichen Belangen ab.

Er gelangte zur Auffassung, dass die Lage, Bodenbeschaffenheit und das Klima einen günstigen Einfluss auf die Gesundheit und das Leben der Bewohner im Bezirk haben. Die relativ hohe Lage und wenig stauende Nässe bewirken eine trockene Luft, die durch die reichlichen Waldungen sauerstoffreich und auch nicht zu kalt ist. Lediglich für den Bereich zwischen Hammerweiher und Postfelden treffe dies wegen der dort vorhandenen Torf- und Moorgründe nicht zu, weil sie zu häufiger Nebelbildung beitragen. Die Bodenprodukte sind vielfältig und in der Menge und Güte so vorteilhaft beschaffen, dass sie eine hinreichende und gesunde Ernährung der Bevölkerung gewährleisten. Das Wasser verrate schon durch seinen Glanz und Geschmack seine vollkommene Reinheit und leiste einen wichtigen Beitrag zum guten Gesundheitszustand der Bewohner der hiesigen Gegend. Und nun wörtlich zitiert:

„Auf Städter, welche wegen Schwächezuständen oder Blutarmut in Folge längerer schwerer Krankheit sich zur Erholung während der Sommermonate in hiesiger Gegend, insbesondere in Falkenstein aufhalten, wirkt das Klima an und für sich und wo es angezeigt ist, das kalte Bad in dem benachbarten Perlbache, gewöhnlich schnell und sehr günstig ein. Auch Brustleidende, zur Lungenschwindsucht geneigte Personen finden hier bald Erleichterung. Insbesondere behagt denselben der Aufenthalt während des Tages im Schlosspark, welcher mit Moosen ausgekleidet ist, deren Ausdünstung mit jener der harztragenden Bäume eine heilsam reizende Einwirkung auf die schwachen Atmungsorgane zu üben scheint. Der Aufenthalt zu Falkenstein, welches an drei Seiten von Bergen und Wäldern eingeschlossen, eigentlich in ihren Schoß gebettet und nur gegen Osten in ein weites Tal offen ist, eignet sich somit gemäß seiner auffallenden Naturkraft vorzüglich für Rekonvaleszenten zum Sommeraufenthalt. Freundliche, meistens neue Häuser besitzend, ist der Ort noch nicht von dem Modestempel des Luxus verkünstelt, sondern trägt in seiner natürlichen Gestaltung die Gewissheit einer bleibenden allen Besuchern fühlbaren Anziehungskraft, die selbst den flüchtigen Touristen unwillkürlich auffordert, hier einen erquickenden Ruhepunkt zu suchen. Gute Beschaffenheit und Billigkeit der Nahrungsmittel empfehlen den Ort insbesondere den Bewohnern der benachbarten Städte Regensburg und Straubing zu längerem Sommeraufenthalt. Möge sich ihm ihre Vorliebe zuwenden!"

Ethnographie

Die Bewohner beschreibt er wie folgt: Die Bevölkerung besteht größtenteils aus Landleuten, die im allgemeinen von kräftiger Statur sind. Die Männer, meistens von mehr als mittlerer Größe, sind vorwaltend muskulös, besitzen in der Regel bedeutende Körperkraft, entwickeln sich frühzeitig und sind häufig von hübscher Gesichtsbildung. Die Weiber sind mit wenigen Ausnahmen von mittlerer Größe, mit starken muskulösen Gliedmaßen, breiten Hüften, breiten und gut ausgebildeten Brüsten ausgestattet.

Auch das weibliche Geschlecht entwickelt sich früh und manche Jungfrau erhält schon früher einen Heiratsantrag als das Entlasszeugnis aus der Feiertagsschule.Die Geistesanlagen sind im Ganzen mittelmäßig. Auch die Schulbildung ist überwiegend gut, obwohl das Vorurteil herrsche, dass sie beim Landvolke überflüssig sei. Die Knaben werden in den Leistungen von den Mädchen übertroffen. In der Regel endet mit der Feiertagsschule zwar die Lernbegierigkeit, in Bezug auf die Landwirtschaft ist man aber fortschrittlich. Die vergangenen Jahre bezeichnet er für die Bauern als günstig, was sich auch auf den Luxus und die Lebensgewohnheit ausgewirkt habe. Insgesamt herrsche bei den Bewohnern des Bezirks im allgemeinen aber hauswirtschaftliche Ordnung und Sparsamkeit, was nicht selten in Geiz und sträfliche Gewinnsucht ausarte. Dr. Maier beurteilt die Leute als schlau und zurückhaltend, die, wenn sie einmal gereizt werden, nicht leidenschaftlich aufbrausen sondern sich vielmehr nachtragend verhalten. Die Frauen stehen den Männern ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit in der Arbeit nicht nach. Ihnen, wie auch den Männern, fehle ein tiefes Gemüt, so dass man kaum eine herzliche Liebe zwischen Eltern und Kindern oder zwischen den Ehegatten antreffe. Auch anderen gegenüber herrsche selten Mitgefühl.

Wo und wie wohnen die Leute?

Wie bereits erwähnt, gab es viele Einöden. Sie bestanden zumeist aus einem Wohnhaus mit Stallung unter einem Dach. Der Getreidestadel stand in der Regel davon getrennt. Oftmals befand sich auf der Hofstelle auch noch ein Ausnahmhaus mit kleiner eingebauter Stallung, in dem die Übergeber oder Austrägler wohnten. In einem Nebenhäuschen konnten aber auch Taglöhner untergebracht sein, wenn es sich um einen größeren Betrieb handelte. In den Dörfern herrschten ähnliche Zustände.

Im Markt Falkenstein war die Bausubstanz wesentlich anders als im übrigen Gebiet. Weil 1846 fast alle Häuser abbrannten und anschließend neu aufgebaut werden mussten, standen hier fast nur gemauerte und mit Ziegeln eingedeckte Häuser. Was heute nicht mehr vorstellbar ist, von 75 Anwesen waren in 49 Gebäuden das Wohnhaus und ein Stall unter einem Dach und in zehn sogar Wohnhaus, Stall und Stadel unter einem Dach.

Diese Angaben hatte Aschenbrenner einem Messungsoperat entnommen, das 1851, also einige Jahre nach dem Marktbrand, erstellt wurde und beim Vermessungsamt Cham aufliegt. Die Bauernhäuser waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, so beschaffen, dass auf einem niedrigen gemauerten Steinfundament ein Holzaufbau das Gebäude prägte. Die Einteilung der inneren Räume war nach den Erkenntnissen von Dr. Maier in der Regel überall die gleiche. In der Mitte der vorderen Seite des Gebäudes ein offengehaltener Gang, von dem aus rechts der Eingang in die Stube, links in den Stall führte. Hinter der Stube lag die Kammer, wo die Hausfamilie schlief, darunter ein Keller zur Aufbewahrung der Milch, Kartoffel usw., dessen Zugang mit einer Falltüre abgedeckt war. Der Haustüre gegenüber war oftmals noch ein Stübl, das von den Ausnahmsleuten, von einem Familienangehörigen oder auch von Kindern bewohnt war, wenn sie wegen ihrer großen Anzahl in der Kammer nicht mehr untergebracht werden konnten.

Die Beschreibung der Stube ist sehr ausführlich: An zwei freistehenden Seiten, des in die Stube hineinragenden großen Ofens war eine Sitzbank. An einer Seite füllte den Raum zwischen dem Ofen und der Wand eine hölzerne Liegestätte aus, die bevorzugt von kränkelnden und alten Leuten aufgesucht wurde und an der vierten Seite war die Schüre. Im Ofen eingesetzt waren große Wasserbehälter. Das Kochgeschirr (irdene Häfen, eiserne Pfannen und lange irdene Reinen) war in Holzgestellen an der Wand untergebracht. Oberhalb des Ofens waren freihängende Stangen zum Aufhängen von Wäsche und durchnässten Kleidungen zum Trocknen. Außerdem wurden über dem Ofen auf dünnen Stangen die Späne gedörrt, die zur Beleuchtung dienten. Aus Birkenholz gehobelte Späne sollen sehr schönes Licht gegeben und weniger geraucht haben. Vor einer Eckbank stand der Familientisch auf dem gegessen wurde und der auch der Hausfrau für die Zubereitung der Speisen diente. Neben der Tür zur Kammer war gewöhnlich eine Uhr und daneben noch ein Holzregal zur Aufbewahrung von Gläsern und besserem Geschirr. Mit Ausnahme der nächsten Umgebung um den Ofen war der Boden mit Brettern gedeckt.

Die Decke, knapp über 2 Meter hoch, war aus Holz, Weißdecken waren selten. Die Wände waren gewöhnlich mit Lehm verputzt und mit Kalk übertüncht. Der Landgerichtsarzt bemängelt, dass insbesondere im Winter wegen fehlender Ventilationsmöglichkeiten durch Rauch und Dunst der Aufenthalt in der Stube ungesund ist. Die im Frühjahr oder zur Kirchweihzeit stattfindende Reinigung der Wände sei kaum einige Wochen lang bemerkbar. Die Unreinlichkeit war nach Auffassung von Dr. Maier eine ergiebige Quelle für Krankheiten. Vorwiegend gefährdet waren die Neugeborenen und die Kleinkinder, die sich insbesondere in der Winterszeit immer in der durch Rauch, Dampf und manchmal auch noch durch Ausdünstungen des Geflügels verdorbenen Luft aufhalten mussten. Manche gaben nämlich den Hühnern in der Winterzeit unter dem Ofen Unterschlupf. Er sieht darin auch einen Grund für die hohe Säuglingssterblichkeit. Die Erwachsenen hielten sich dagegen auch im Winter zur Arbeit meist im Freien oder im Stall auf. Sie waren aber insoweit gefährdet, als die Wände der Schlafkammer, das Bettzeug oder die Kleidung vom Dampf aus der Stube feucht waren, was zu rheumatischen Erkrankungen der Brustorgane führen konnte. Auch Hautkrankheiten wurden durch die Unreinlichkeit begünstigt.

Festgehalten hat er auch, dass sich an der Vorderseite des Hauses, durch einen drei bis vier Schritte breiten, gepflasterten Streifen, die Dungstätte befindet, bei der der Abort steht. Ein Mangel sei, dass der Odel in den meisten Orten auf der Straße stehe, weil Gruben zur Aufbewahrung fehlen. Lediglich der Markt Falkenstein mache eine Ausnahme. Dort sind die Straßen reinlich und die Aborte und Düngerstätten abseits gelegen. Zur Ableitung des Regenwassers und von unreinen Flüssigkeiten sind zahlreiche Abzugskanäle angelegt. Auch die Einteilung der Wohnungen sei unterschiedlich, je nach dem von dem Besitzenden ausgeübten Gewerbe. In den Wohnungen werde auch mehr auf Bequemlichkeit und Reinlichkeit gesehen als auf dem Lande.

Kleidung

Die Männer auf dem Lande tragen in der Regel eine schwarzlederne, unten eng zulaufende Hose und schwarze Stiefel aus Kalbsleder, die bis an die Knie reichen. Bei Arbeit tragen sie Holzschuhe. Außerdem sind sie mit einer Weste aus dunklem Woll- oder Seidenstoff, besetzt mit weißen Metallknöpfen sowie einer Jacke von dunklem Tuche, auch häufig mit Metallknöpfen versehen, bekleidet. Das Festkleid der Männer ist ein langer bis über die Waden reichender Rock. Die gewöhnliche Kopfbedeckung ist der ziemlich niedere etwas breitkrempige Filzhut. Natürlich hatten sie auch ein Hemd und eine Unterhose an, die aus selbstbereiteter Leinwand bestand. Es waren ja auch mehrere Weber in Falkenstein. Meist wurden schafwollene Socken getragen, es gab aber auch Baumwollsocken. Die Jacke, die im Winter getragen wurde, war gewöhnlich mit Schafpelz gefüttert. Außerdem soll zur Winterbekleidung auch über dem Hemd ein abgenähter Brustfleck, ein sogenannter Vorfleck, getragen worden sein.

So waren die Wohlhabenderen und Selbständigen gekleidet. Die ärmeren Knaben, Dienstboten und Selbständigen trugen lange, weite Hosen, kurze Stiefel, Jäckchen aus Leinen oder grobem Tuch und eine Stoffmütze.

Die Frauen trugen einen Rock aus rauem Wollzeug, gewöhnlich einfarbig schwarz, die jüngeren Mädchen in rot. Die Brust ist mit einem weichen, miederartigen leinenen Jäckchen zusammengehalten, über dem erst ein starkes Mieder getragen wurde. Um den Hals trugen sie ein einfaches Baumwolltuch und ein Kopftuch. Wohlhabende und eitle Frauen haben anstelle von rauem Wollzeug Baumwolle oder Schwarzseide getragen. Die Strümpfe, regelmäßig wurden sie nur in der kalten Jahreszeit getragen, waren an Werktagen von blauer und sonn- und feiertags von weißer Baumwolle. Die Schuhe waren aus Kalbsleder und bis an die Zehen ausgeschnitten. Bei den Frauen war der Unterschied zwischen arm und reich nicht allzu groß, weil die Kleidungsstoffe weniger gekostet haben. Die Frauen und Mädchen der höheren Bürgerklasse haben sich eventuell dadurch herausgehoben, dass sie an Sonn- und Feiertagen das bayerische Riegelhäubchen getragen haben.

Die Kleidung fand Dr. Maier allgemein als gut. Lediglich gegen das Kopftuch hatte er Einwände. Es hemme die Ausdünstung der Kopfhaare und trage dadurch zur reichlichen Bildung von Kopfläusen und von Grind (Schorf) nicht nur bei den kleinen Mädchen sondern auch bei den erwachsenen Weibspersonen bei. Bei den Mädchen sollte es verboten werden, in der wärmeren Jahreszeit mit Kopftuch zur Schule zu gehen. Sie müssten sich dann auch die Haare öfters waschen und kämmen. Auch bei den erwachsenen Frauen wäre dies der Fall, wenn sie zumindest an den Sonn- und Feiertagen die früher übliche Florhaube tragen würden, die man heute nur noch bei den alten Leuten und bei jungen nur bei festlichen Gelegenheiten sieht.

Das Barfußlaufen führt im Frühjahr und Herbst häufig zu Verkältungen des Unterleibes und im Sommer bei trockenem, heißen Boden zu Entzündungen.

Nahrungsweise und Speisenzubereitung

Die Nahrungsmittel des Landvolkes sind vorwaltend Milch, Roggenmehl, Kartoffel, Kraut usw. Die sogenannte weiße Suppe aus gestandener saurer Milch mit süßer Milch verdünnt und unter Beimengung von Mehl am Feuer gekocht bildet den Hauptbestandteil jeder Mahlzeit. Sie wird beim wohlhabenden Bauern wie beim armen Hirten genossen und unterscheidet sich in ihrer Güte nur durch die Qualität des Mehles und des Brotes, das dazu gegessen wird.

Brot wurde aus Roggenmehl in zweierlei Qualität gebacken, aus ganz weißem für die Herrschaft und aus gröberem Mehl für die Dienstboten. Dr. Maier hielt keine der beiden Brotsorten für angenehm. Vom feineren bemängelte er, dass es bei der Zubereitung vieler Hefe bedurfte, wegen deren nötiger Gärung säuerlich schmeckte und schnell hart wurde. Das von gröberem Mehl gebackene Brot sei schwammig, schimmle leicht und sei schwer zu vertragen.

Seiner Meinung nach hätte sich aus einer Mischung der beiden Mehlarten ein schmackhaftes Brot herstellen lassen, aber dies wäre durch eine Belehrung allein nicht machbar, weil es zu sehr gegen die Gewohnheit und das Interesse der Bauersleut verstoßen hätte. Mittags wurde gewöhnlich ein Reiberdatsch serviert, der ähnlich wie heute zubereitet (rohe, geriebene Kartoffel, etwas Mehl, Milch und Eier) in einer irdenen Reine unter Zugabe von Schmalz im Rohr heraus gebacken wurde. Abwechslungsweise wurde der Datsch durch Rohrnudeln ersetzt. Dazu hat man je nach Jahreszeit Grünen- oder Gurkensalat, Kohlrabi, Sauerkraut, gedörrtes Obst, Holler, Schwarzbeeren oder Schwammerl gegessen. An Sonn- und Feiertagen waren das Hauptgericht Semmelknödel, zu denen es an den höchsten Feiertagen noch ein Stückchen Schweinefleisch gab, der höchsten Idee des Wäldler Gaumens, so der Schreiber. Nur für Schweinefleisch bestand in der hiesigen Gegend eine Vorliebe. Die Gewerbetreibenden des Marktes aßen mehr Fleisch, da es täglich frisch zu haben war, wobei letzteres in erster Linie auf das Rindfleisch zutraf. Die ärmeren Leute im Markte ernährten sich aber auch so wie die Landleute. Eine besondere Delikatesse war der Kaffee, zubereitet aus Bohnen- und Mandelkaffee und mit Milch. Getrunken wurde vorwiegend Wasser. Der Bauer liebte außerdem das braune Bier; die Frauen zogen weißes Bier vor, auf dessen Genuss sie besonderen Wert legten, wenn sie sich von einer schwereren Krankheit erholten oder im Wochenbett waren.

Übrigens wurde damals der Lokalmalzaufschlag eingeführt, hatte Aschenbrenner herausgefunden. Aus den Einnahmen wurden die Kosten für den 1860 errichteten Armenhausbau finanziert. Im Obergeschoss dieses Armenhauses waren vier Zimmer, die als Krankenzimmer an den Distrikt vermietet wurden.

Schnaps wurde kaum getrunken, ausnahmsweise z.B. bei den Abend- und Nachtgebeten, wenn Verstorbene aufgebahrt waren. Die Vermutung von Dr. Maier: Abstumpfung der Sinne gegen den Eindruck der Leiche. Ganz vereinzelt wurde im Wirtshaus manchmal auch ein Glas Wein, ein Krukenberger oder auch ein leichter Frankenwein getrunken.

Die Kleinkinder erhielten, wenn kein besonderes Hindernis vorlag, die Mutterbrust und zwar bis zum Alter von ½ bis 1 Jahr und nebenbei noch einen Mehlbrei. In jüngster Zeit, so im Bericht, wird auch Kuh- oder Ziegenmilch, verdünnt mit einem aromatischen Aufguss verabreicht, wenn dem Säugling keine Muttermilch gegeben werden kann. Als eine unentbehrliche Zutat bewertet der Schreiber für die Ernährung der Kinder den mit gekautem oder geriebenem Brot gefüllten Schnuller. Wenngleich die Muttermilch die einfachste und vorteilhafteste Ernährung gewesen wäre, so wurde ihr Erfolg nach Auffassung des Landgerichtsarztes dadurch beeinträchtigt, dass weder die Mutter noch der Mann oder Hausgenossen besondere Rücksicht auf das Säugegeschäft nahmen, so wörtlich im Bericht. Ebenfalls wörtlich so niedergeschrieben: Die Mutter verlässt am 2. bis 3. Tage ihr Wochenbett, kocht, genießt was ihr mundet, überlässt sich allen mit der häuslichen Tätigkeit verbundenen leidenschaftlichen Aufregungen, bindet sich an keine bestimmte Zeit des Stillens und betrachtet das Säugegeschäft mehr als Abwehr gegen baldige Wiederschwängerung und als Mittel, das Kind bei Tag und Nacht auf leichteste Weise zu beruhigen.

Beschäftigung der Bewohner

Die Hauptbeschäftigung war der Feldbau bzw. die Landwirtschaft allgemein. Bei den Gewerbetreibenden im Markt Falkenstein war es mehr ein Nebenerwerb. In den Wintermonaten beschäftigten sich die Bewohner mit Holzarbeiten und zwar nicht nur mit der Beschaffung von Brennholz. Es wurden auch Schindeln gefertigt oder Wagnerholz bearbeitet. Die Frauen kochten, besorgten, wenn keine Dienstboten dafür vorhanden waren, das Vieh und halfen zum Teil auch beim Feldbau mit. Handarbeiten betrieben sie wenig. Stricken und Nähen konnten die meisten nicht. Neuerdings wird jedoch in der Schule mehr Wert darauf gelegt, dass die Kinder auch das Handarbeiten erlernen. Die Jugend wird sehr früh zu landwirtschaftlichen Arbeiten herangezogen. Es beginnt mit dem Viehhüten, das jeder Einödbesitzer für sich selbst besorgte. Es gab nur wenige Dörfer in denen es Gemeindeweiden gab, auf denen eine Gesamtherde von einem eigens bestellten Hüter beaufsichtigt wurde.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, so Aschenbrenner, war dies vermutlich noch anders, denn aus einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1813 über die in den einzelnen Gemeinden im Umkreis von Falkenstein anstehenden Arbeiten ist für die meisten größeren Ortschaften auch das Hüthaus benannt, weil es meist einer Instandsetzung bedurfte, so z.B. in Völling, Au, Woppmannsberg, Erpfenzell, Woppmannsdorf, Momannsfelden usw.

Die Jugendlichen, vor allem die Knaben, mussten im Winter schon sehr bald beim Dreschen mithelfen. Die Arbeitszeit begann im Sommer um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr morgens. Mit einer kurzen Unterbrechung um 9 Uhr dauerte sie bis 11 Uhr. Nach dem Mittagessen war bis 12 Uhr Ruhezeit. Anschließend wurde wieder bis 18 Uhr gearbeitet und nach dem Abendessen noch der Stall versorgt. Wenn notwendig, musste auch noch das Arbeitsgerät für den nächsten Tag instand gesetzt werden.

Lagerstätten

Dr. Maier hat festgestellt, dass alle, ob jung oder alt, reich oder arm, auf eine gute Lagerstätte Wert legten. Das Bett bestand aus einem Strohsack, einem Unterbett mit gröberen Gänsefedern gefüllt, zwei Kissen und einem Oberbett, das mit weicheren Federn, manchmal sogar mit Flaum gefüllt war. Die Bettstatt war meist so breit, dass 2 Personen darin Platz fanden. Die Betten der Eltern und Kinder waren, wie bereits erwähnt, für gewöhnlich in der Kammer neben der Stube, die der Dienstboten in den Stallungen oder auf dem Speicher, selten in einem eigenes dafür vorhandenen Zimmer.

Wie waren die Bewohner situiert

Eine mittlere Wohlhabenheit hielt Dr. Maier in den Gemeinden Au, Arrach, Brennberg, Michelsneukirchen, Rettenbach und Schillertswiesen für gegeben. Die meisten Familien bewirtschaften dort einen Grundbesitz von 30 bis 60 Tagwerk und können sich davon nicht nur ausreichend ernähren, es bleibt in der Regel von dem Erlös aus dem Verkauf von Jungvieh und Getreide auch noch etwas übrig, das sie zurücklegen können. Söldner mit einem Grundbesitz von 10 bis 20 Tagwerk sind dort nur wenige beheimatet. 100 und mehr Tagwerk besitzen nur sehr wenige, einzelne haben jedoch bis zu 300 Tagwerk. Sie zählen zu den reichen Bauern.

In den Gemeinden Ebersroith, Falkenstein, Haag, Höhenberg und Zell steht es weniger günstig. Der Grundbesitz verteilt sich dort auf relativ viele Familien und war deshalb auch entsprechend gering, sodass kaum soviel erwirtschaftet werden konnte, was zum Leben erforderlich war. Falkenstein hatte z.B. trotz seiner ausgezeichneten Wiesen und eines namhaften Viehbestandes stets Mangel an Milch, Butter, Schmalz, da in den Familien der Handwerksbetriebe wenig Fleisch, aber desto mehr Milch und Mehlkost genossen wurde. Dr. Maier war auch der Auffassung, dass das bürgerliche Gewerbe zuwenig schwunghaft betrieben werde. Schuld daran sei u.a., dass sich die Lehrlinge kaum in der Fremde ausbilden lassen und folglich den Zeitfortschritt verpassen. Ein rätselhafter Hang ziehe sie meistens nach kurzer Zeit wieder in ihre Heimat zurück, selbst wenn sie in der Fremde günstigste Verhältnisse vorfinden. Weil die Ausbildung nur notdürftig ist, werden sie von den Gewerbsleuten benachbarter Orte überflügelt, was sich sehr nachteilig auf die Arbeitsmoral und den Fleiß auswirke, so dass manche Betriebe zugrunde gehen.

Der Hang zur Heimat und dem dort gewohnten Leben haftet auch den Landleuten an. Ein Soldat, der nach sechsjähriger Dienstzeit als Verehrer der Fleischkost gelten sollte, ist glücklich, wenn er seine lang gehegte Sehnsucht nach der weißen Suppe und dem Reiberdatsch wieder nach Lust stillen kann.

Obwohl die Landleute überwiegend einen mittleren Wohlstand haben, zeigen sie wenig Sinn für häusliche Bequemlichkeit und vor allem Reinlichkeit. Eine Bauernstube sei nicht viel besser als ein Viehstall – der Boden halb verfault, die Wände von Rauch und Ruß geschwärzt, Spinnweben. An den Werktagen sei die Kleidung der Wohnung entsprechend. An den Sonn- und Feiertagen will aber jeder so reinlich und stattlich als möglich erscheinen, was aber oftmals nur täusche, weil die Unterwäsche nicht dem reinlichen Aussehen der Kleidung entspreche und deshalb soweit als möglich verborgen werde. Es herrsche zwar ein gewisser Sinn für Reinlichkeit, was die Badefreudigkeit beider Geschlechter zeige, die sich aber leider nur im Sommer befriedigen lasse. Solange aber folgende Missstände nicht abgestellt werden, die dazu führen, Reinigungsarbeiten als Zeitverschwendung zu halten, wird keine wesentliche Änderung eintreten: Beschränktheit der Wohnungen, Mangel an Ableitungsmöglichkeiten für Dampf und Rauch aus den Stuben und das Brennen der Holzspäne zur nächtlichen Beleuchtung.

Vergnügungen und Feste

Die Landleute sind nicht vergnügungssüchtig. Die älteren Männer und auch die jungen Burschen sitzen an den Feiertagen in den Gast- oder Bauernstuben zusammen und spielen Karten. Im Sommer suchen die Jüngeren auch die Kegelbahnen auf, im Winter bevorzugen sie das Eisschießen. Für Musik wird wenig Sinn gezeigt, obwohl manche Knaben und Mädchen eine Begabung für den Gesang hätten. Der Tanzboden lockt die Jüngeren in der Regel nur so lange, bis sie sich ein Weib ertanzt haben. Verheiratete sieht man kaum mehr auf dem Tanzboden. Öffentliche Feste, z.B. nach der Ernte oder bei sonstigen jahreszeitlich bedingten Anlässen, kenne man hier nicht. Sie werden nur kirchlich gefeiert. Kirchweih ist eine Ausnahme, wird aber vorwiegend auch nur im Familienkreis in der Weise gefeiert, dass es ein reichlicheres Mittagsmahl und Küchel gibt. Die Ledigen tanzen zu diesem Anlass mitunter auch im Wirtshaus.

Ausführliche Erläuterungen widmete der Amtsarzt dem Schnupfen, weil fast alle Männer schnupften. Die ältesten Leute erinnerten sich, dass auch ihre Väter und Großväter bis auf 150 Jahre zurück schon diesen Tabak geschnupft haben. Er beschreibt die Herstellung des Brasil Schnupftabakes, der in Amerika erzeugt und in Stangen gekauft werde. Getrocknet und geschnitten werde er in einem irdenen Tiegel mittels eines starken Holzstempels zu Pulver gerieben. Je nach Geschmack des Schnupfers mische er ihm Zucker, Nüsse, Kalk und etwas Schmalz bei. Wenn er die Lebensweise der Leute in Betracht ziehe, so Dr. Maier, könne man vermuten, dass der Schnupftabak ein Nahrungsergänzungsmittel ist. Der bayerische Waldbewohner lebe von meist stickstoffarmen Speisen, weil er vor allem sehr wenig Fleisch esse. Im Tabak sei in Form von Ammoniak eine stickstoffreiche Verbindung enthalten. Ammoniak nimmt das Tabakkraut aus dem Boden auf, weil es nur auf einem sehr gedüngtem Ackerland wachse. Kalk, an dem die hiesige Gegend großen Mangel leide, kann sich ohnehin im Tabak befinden, wird aber auch zugesetzt. Den hier herrschenden Kalkmangel fühlen in erster Linie Zugezogene. Das Wasser ist äußerst kalkarm. Der Mangel an Kalk im Boden und Wasser, so wurde von verschiedenen Professoren festgestellt, führe zu gesundheitlichen Schäden. Dr. Maier glaubt zwar, dass die Natur diese genannten Mängel an Kalk auf eine andere Art und Weise, die noch nicht erforscht ist, ausgleicht bzw. bereits ausgeglichen hat und deshalb das Schnupfen zur Gesunderhaltung nicht notwendig ist. Soviel sei gewiss, dass alle Gewohnheitsschnupfer einen sehr unangenehmen Geruch um sich verbreiten, an Aufwulstung der Nasenschleimhaut und verminderter oder gar aufgehobener Geruchsfähigkeit leiden, und dass sie früh altern und ein Aussehen haben, als ob sie zehn Jahre älter wären. Letzteres lässt sich nur vermuten, es könnte vielmehr auch die mangelhafte Ernährung und die harte Arbeit ursächlich sein, weil auch Bauern, die nicht schnupfen verhältnismäßig früh altern, Leute, wie Beamte, Geistliche, Gutsbesitzer etc., die täglich Fleisch genießen und sich gut ernähren, dagegen kaum. Eines sprach vielleicht auch noch für das Schnupfen: Erwachsene und alte Leute hatten selten Augenleiden, was eventuell darauf zurückzuführen war, dass durch das Brasilschnupfen eine kräftige Ableitung der Feuchtigkeit vom Kopfe statt findet. So allgemein das Schnupfen verbreitet war, so selten waren die Raucher. Gewohnheitsraucher gab es kaum.

Eheleben

Die Heiraten, so steht geschrieben, sind hier in der Regel Spekulations- und nicht Neigungsergebnisse. Der Bauer will ein arbeitsames, häusliches Weib, das ihm seine Habe vermehrt. Zu ihren Aufgaben gehörte neben der Erledigung des gesamten Hauswesens noch das Federvieh, der Flachsbau und die Bereitung des Flachses und der Leinwand. Sie erhielt auch den Erlös aus den Erträgnissen des Federviehs sowie aus dem Verkauf von Schmalz für ihre Kasse. Der Mann hatte für sich die Rinderzucht und den Getreidebau. Er musste aber auch alle großen Ausgaben bestreiten. Die getrennten Kassen führten manchmal zu Streitigkeiten. Da der Mann gewohnt war, seine Frau eigentlich nur als seine erste Magd zu betrachten, war er gewöhnlich streng gegen sie und hatte kein Verständnis dafür, wenn sie einmal wegen körperlicher Beschwerden ihrer Arbeit nicht voll nachkommen konnte. Um nicht als faul zu gelten, verließen die Frauen auch das Wochenbett meist sehr schnell.

Die Wohlhabenderen, die sich von der Erfüllung der Wehrpflicht loskaufen können, heiraten meistens zu Anfang der 20er Jahre. Hierin erblickte Dr. Maier den Nachteil, dass deren Frauen auch sehr jung und noch nicht vollkommen körperlich ausgebildet sind. Solche unreifen Mädchen gebären dann oftmals Kinder, die so schwach sind, dass sie kaum lebensfähig sind und in der Regel bald nach der Geburt auch sterben.

Bei der Mehrzahl der Männer liegt das Heiratsalter zwischen dem 32. und 36. Lebensjahr, bei den Mädchen zwischen 22 und 28 Jahren. Die Fruchtbarkeit der Mädchen und Frauen ist eine große, man findet selten ein Weib, das nicht acht bis zehn Kinder hat. Diese Anzahl von Geburten lasse auf einen großen Hang zur geschlechtlichen Liebe schließen, der frühzeitig erwacht, was die vielen unehelichen Geburten beweisen. Die Wöchnerinnen verrichten am 3./4. Tag nach der Geburt bereits wieder ihre Hausarbeiten und sind nach acht Tagen schon wieder auf dem Feld bei der Arbeit.

Bildung

Der Waldbewohner kann sich in Folge der Einsamkeit seiner Wohnorte und wegen fehlender Verkehrsmittel nur selten einen Überblick darüber verschaffen, wie das Leben anderswo abläuft. Dass er wissbegierig ist, beweist, dass viele sich am landwirtschaftlichen Distrikts-Verein beteiligen und große praktische Lehren anwenden und prüfen. Auch für die große Politik zeigt er Interesse, insbesondere seit dem Eintritt kriegerischer Ereignisse auf dem europäischen Schauplatz. Der Bauer versucht beim Wirt die Zeitung zu lesen oder lässt sich, wenn er selbst nicht lesen kann, vom Wirt oder Schullehrer daraus vorlesen. Sein Recht in Eigentumsangelegenheiten kennt er aus allgemeinen Grundsätzen und mündlicher Überlieferung. Er verharrt gerne bei seiner vorgefassten Meinung, entschließt sich aber doch selten zu einem Rechtsstreit mit Beiziehung eines Advokaten. Er unterwirft sich lieber dem Ausspruche seines nächsten Gerichts.

Neigung zu höherer Ausbildung ist in den Bauersfamilien jetzt selten im Gegensatz zu der jetzt endenden Generation. Damals haben sich viele einer wissenschaftliche Bildung unterzogen und es gingen auch Professoren, Priester und hervorragende Gelehrte aus der hiesigen Gegend hervor, wie z.B. der berühmte Chemiker Fuchs aus Mattenzell und der kgl. Staats- und Leibarzt Dr. Schröttinger. Nur vereinzelnd kann ein Pfarrer Eltern dazu bewegen, ihren Sohn Theologie studieren zu lassen. Zur Zeit sind nur sechs junge Leute aus dem ganzen Gerichtsbezirk im Studium. Vom Markt Falkenstein besuchen zwar mehrere Knaben das Schullehrer Seminar und einige das Gymnasium, wegen fehlender Mittel kann oftmals der Wunsch von Kindern auf eine höhere Ausbildung aber nicht erfüllt werden. Manchmal scheitert der Besuch einer höheren Schule aber auch daran, dass die Kinder nicht von zu Hause fort wollen.

Abschließend steht im Bericht noch, dass der Waldler streng nach seiner Religion lebe ohne bigott (blindgläubig oder scheinheilig) zu sein. Geister- und Zaubergeschichten, die seit jeher von Mund zu Mund weitergegeben wurden, ist er zugänglich. Auch Aberglauben herrscht noch viel in Hinsicht auf Unglücksfälle, Krankheiten oder auch Heilmittel. Manche halten auch etwas vom Gesundbeten.

 

                     Bauernhochzeit um 1900 in Marienstein, also 40 Jahre nach Erstellung des Physikatsberichts

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